Gedenkstättenfahrt 2018 der Projektgruppe aus der Q1 mit Herrn Vierschilling und Frau Dartsch vom 28.05 bis 02.06 2018

"Keine Erinnerung ohne Wissen"- war ein Leitgedanke der diesjährigen Gedenkstättenfahrt der Friedensschule.
Dass dieses Wissen überaus wichtig ist, um die Geschichte der Gedenkstätten zu verstehen und einen Zugang zur Ideologie des Nationalsozialismus zu bekommen, erfuhren wir 22 Teilnehmer*innen der Projektfahrt schon während der Vorbereitungstage in der Villa ten Hompel und auf der Wewelsburg im April 2018.

Ohne zu wissen, wie viel mehr wir noch lernen und erleben würden, fuhren wir am Sonntag, am Ende der Pfingstferien, die erste Station an: Dresden. Als Landeshauptstadt Sachsens ist die Stadt an der Elbe nicht nur ein Zeichen für Zerstörung und Wiederaufbau im und nach dem Zweiten Weltkrieg, sondern auch zu einem Zentrum des deutschen Rechtsrucks geworden. Das Erlebnis der Pegida - Montagsdemonstration war Anlass für viele Gespräche.

Während der Besichtigung der Altstadt lag das Augenmerk neben der sächsisch-polnischen Geschichte auch auf der Entscheidung der Stadt, die fast komplett zerstörten Gebäude im historischen Stil wiederaufzubauen, wie z.B. die Frauenkirche.

Dresden war aber auch Ausgangspunkt, um die Gedenkstätte Pirna-Sonnenstein zu besichtigen und kennenzulernen. Der eigentlich eher unbekannte Erinnerungsort war Schauplatz für die Tötung von fast 15.000 Kranken und Behinderten zwischen 1940-41.
Die Gedenkstätte zeigt heute die 1989 entdeckten und für die historische Arbeit freigegebenen Räume wie Duschraum, Gaskammer und Leichenkeller. Ein erster Zeitpunkt zum Gedenken wurde hier für die Teilnehmer*innen möglich. Auch blieb Zeit für neuen Wissenserwerb. Dank eines Referenten der Gedenkstätte, der sein Programm mit Herrn Vierschilling abgesprochen hatte und auf unser Vorwissen beziehen konnte, wurden wir, durch Vortrag und Workshop, über die Geschichte des Ortes umfassend informiert und erfuhren, dass die Rassenideologie keine Erfindung der Nationalsozialisten war, sondern schon eine lange Vorgeschichte hatte. Natürlich haben wir auch über den Widerstand des Kardinal von Galen gegen das "Euthanasieprogramm" gesprochen und die in Münster verehrte Person auch kritisch würdigen können. Die abendliche Gruppenreflexion zeigte, wie wichtig es für uns war, diesen wenig bekannten Erinnerungsort zu besuchen.

Um nach Krakau, unserer nächsten Station, zu kommen, war eine längere Busfahrt notwendig. Hier sollte es auch darum gehen, etwas über das lange friedvolle Zusammenleben von Polen und Deutschen zu erfahren. Vor allem aber wollten wir die vielfältige jüdische Kultur vom Mittelalter, über die Zeit des Nationalsozialismus bis zur Gegenwart in den Blick zu nehmen.
Neben der jüdischen Geschichte und Kultur haben wir auch einiges über die Geschichte Krakaus und die Verbindung von Kirche und Staat in Polen erfahren.
Interessant war, dass wir über das Thema Integration und die dafür notwendigen Bedingungen sprechen konnten. Oft waren die Juden in Polen in der gleichen Situation wie Flüchtlinge heute in unserem Land.
Der Weg zum ehemaligen jüdischen Ghetto fühlte sich für uns dann doch schon etwas beschwerlich an. Auch die Hinweise zur Geschichte der Juden Krakaus im Nationalsozialismus konnte unser Unverständnis für solche Gräueltaten nicht schmälern.

Da wir uns alle noch an den Film "Schindlers Liste" erinnerten, war ein Abstecher zu der ehemaligen Fabrik Schindlers von uns gewünscht. Trotz des warmen Wetters waren wir uns einig, anschließend noch das Gelände des ehemaligen Konzentrationslagers Plaszow aufzusuchen. Das Gelände liegt außerhalb von Krakau und ist nur mit festem Schuhwerk zu begehen, denn das Gebiet ist heutzutage fast vollkommen zugewachsen und verwildert. Nur ein paar Infotafeln und eine Gedenktafel erinnern an das Schreckliche, das damals an diesem Ort passiert ist. Auch an diesem Ort sind noch Spuren der Produktion des Filmes "Schindlers Liste" in einem alten Steinbruch zu entdecken.
Die ehemalige Villa Göth ist mittlerweile nicht mehr wiederzuerkennen. Vor zwei Jahren noch Bauruine, ist sie heute eine attraktive Immobilie. Darf man einen solchen historischen Ort so entstellen? Müsste man nicht auch einen Täterort zum Ort 'negativen' Gedenkens machen?
Die vielen Informationen und neuen Eindrücke in Krakau hatten uns geschafft, und gegen Ende des Tages saßen alle erschöpft im Bus Richtung Oswiecim. Der Ort, an dem zur damaligen Zeit das Konzentrations- und Vernichtungslager stand und der damals Auschwitz hieß. Die heutige Gedenkstätte, die gleichzeitig auch Mahnmal ist, war die letzte Station der Fahrt.

Mit drei Tagen Aufenthalt war Oswiecim der intensivste Studienort der Gruppe. Denn für die Studienführungen durch die Gedenkstätte des ehemaligen Stammlagers Auschwitz I und des ehemaligen Vernichtungslagers Auschwitz-Birkenau waren je vier Stunden eingeplant, die von der Gruppe auch voll ausgenutzt wurden.

Während in der Gedenkstätte des Stammlagers der Schwerpunkt eher auf der musealen geschichtlichen Dokumentation lag, gab die Gedenkstätte Auschwitz-Birkenau uns die Möglichkeit der Erinnerung an die Opfer. Wir lernten einzelne Schicksale von Menschen aus verschiedenen Opfergruppen kennen, erfuhren ausführlich von der Situation der Häftlinge im sogenannten Sonderkommando und kamen auch zum gemeinsamen Gedenken an die Opfer zusammen.

Zudem arbeiteten wir in Workshops zum Thema "Pseudomedizinische Experimente in Auschwitz" und zum Thema "Spurensuche - Wie finde ich Daten über Opfer des Holocaust?" im Archiv der Gedenkstätte. Wir haben den Eindruck, dass unser Vorwissen gründlich vertieft worden ist.
Die abendlichen Abschlussgespräche ermöglichten uns, neues Wissen noch einmal zu reflektieren und auch die schwer verdaulichen Gedanken, zu diesen oft belastenden Themen, anzusprechen.
Am Ende der Fahrt war uns allen bewusst, dass dieses Vorhaben uns zu einer Gemeinschaft hatte werden lassen. Und eines war uns ganz bewusst: Auch, wenn es anstrengend ist, Erinnern ist nur durch Wissen möglich.
Franka Aldenborg