"Radtour der Illusionen"

An der gemeinsamen Erinnerung der Münsteraner Schulen zum Holocaust-Gedenktag beteiligte sich die Friedensschule mit einer "Radtour der Illusionen" eines SOW-EF-Grundkurses von Herrn Dr. Nonhoff zu Orten der ungebrochenen Kontinuität nach dem Ende des Dritten Reichs.

Im Mai 1945 waren zwar Adolf Hitler und seine Machtelite nicht mehr da - viele Funktionäre, Profiteure und Mitläufer lebten in Deutschland jedoch weiter, und zwar meist unbehelligt. Mediziner, Juristen, Professoren, Lehrer, Journalisten - sie alle hatten, selbst wenn sie glühende Anhänger der Nazis gewesen waren, nach Kriegsende wenig zu befürchten. In der Universitätsstadt Münster gab es viele solcher Fälle: z. B. Ärzte, die im Dritten Reich (und in den KZs) als sog. "Rassehygieniker" in Unwesen getrieben hatten, konnten an der Westfälischen Wilhelms-Universität ihre wissenschaftliche Laufbahn fortsetzen und gingen erst Jahrzehnte später hochgeehrt in den Ruhestand.

Ein besonders trauriger Fall in Münster ist der von den Nazis als "schwachsinnig" abgestempelte Paul Wulf, der aus seiner sozialdemokratischen Einstellung keinen Hehl machte. Um ihn zum Schweigen zu bringen, wurde er in eine "Heilanstalt" eingeliefert und dort zwangssterilisiert. Nach dem Ende der Nazi-Herrschaft bemühte er sich viele Jahre vergeblich um eine Wiedergutmachung. Kein Wunder: Die Juristen und Mediziner, die über seine Anträge zu entscheiden hatten, waren oft dieselben, die seine Existenz vor 1945 zerstört hatten. Doch Wulf blieb hartnäckig: 1979, also 34 Jahre nach Kriegsende, erhielt er endlich eine Rente zugesprochen. Eine besondere Ehre wurde ihm schließlich 2007 zuteil: eine nach einem belasteten Mediziner benannte Straße in der Nähe der Unikliniken wurde nach ihm umbenannt.

Die Radtour führte nicht nur zum neuen Paul-Wulf-Weg, sondern auch zum Amtsgericht am Schlossplatz. Dort traf der Kurs auf den Gerichtsdirektor, Herrn Norbert Schöppner, der über die Richter nach 1945 berichtete. Juristen, die vorher menschenverachtende "Rassegesetze" formuliert und angewendet hatten, setzten ihre Karriere in der jungen Bundesrepublik Deutschland bruchlos fort.
Weiter ging es zum Schloss, dem heutigen Hauptsitz der Universität. Innen besuchten die Schülerinnen und Schüler ein Mahnmal, das daran erinnert, dass viele akademische Karrieren im Dritten Reich zunichtegemacht wurden. Ein Mahnmal, dass daran erinnert, wie es mit vielen (Nazi-) Professoren nach 1945 weiterging, gibt es leider nicht.

Auf dem Domplatz, der Rothenburg und dem Prinzipalmarkt gab es viele Informationen zum Wiederaufbau der total zerstörten Innenstadt und der Sehnsucht der Münsteraner, nach 1945 irgendwie ganz neu und unbelastet weitermachen zu können.
Die Tour endete im Rathausinnenhof, dem Platz des Westfälischen Friedens, in dem sich alle am Projekttag beteiligten Schülerinnen und Schüler zu einer gemeinsamen Gedenkveranstaltung versammelten. Bürgermeisterin Karin Reismann zeigte sich beeindruckt vom Interesse und Engagement der vielen Jugendlichen und gab ihrer Hoffnung Ausdruck, dass diese furchtbare Epoche niemals in Vergessenheit gerate.